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Die Studie

èesky
Was ist Böhmerwaldliteratur?

Eigentlich müsste die Frage richtig lauten: "Was ist Literatur?" - und so lautet sie auch. Denn gewöhnlich fragen wir doch immer zuerst, was etwas ist und dann erst, wie etwas ist. Diese Literatur ist vorwiegend in deutscher Sprache geschrieben und bildet eine umfangreiche Bibliothek. Wir sprechen daher von der vorwiegend deutschen Literatur des Böhmerwaldes, auch Böhmerwaldliteratur oder Böhmerwalddichtung genannt. Manchmal wird sie unter dem deutschen Begriff Heimatliteratur zusammengefasst, dem etwa die tschechische Bezeichnung "venkovská literatura" entspricht.
Šumava / Böhmerwald (der Oberpfälzerwald / Èeský les schließt im Westen an und reicht bis zum Egerland), manchmal auch Nordwald oder nur Wald genannt, wird als eine gewisse Einheit mit dem Bayerischen Wald verstanden. Nach Stifters "Witiko" ist es eigentlich ein Böhmisch-Bayerischer Wald. In dem Wort "Böhmerwald" klingt auch die alte keltische Bezeichnung "Boiohemum" an - "das Land, die Heimat der Bojer", Bohemia, Böhmen, ein Land und dessen Bewohner, das mit den heutigen Nationalstaaten nicht viel gemein hat. Schließlich steht "Wald" für etwas Ungewisses, Bedrohliches und Wildes (selbst das Wort "Vltava" enthält das Attribut "wild"), wo nur die zu leben und zu überleben vermochten, die Ungemach, Beschwernis und große Mühe wählten anstatt in die Niederungen der Flusstäler hinabzusteigen. Im Laufe der Geschichte waren es größtenteils deutschsprachige Siedler.
Und damit kehren wir zu der Feststellung zurück, dass es sich um vorwiegend deutsche Literatur handelt, insbesondere um Literatur aus dem Randgebiet Heimatliteratur. Das Schicksal dieser "hölzernen" Bibliothek mit Büchern, die gleichfalls zum großen Teil aus Holz hergestellt wurden, entsprach getreu ihrem Inhalt, sie teilten das Schicksal des Landes. Soweit eine ländliche Gemeinschaft zwischen der deutschen und der benachbarten tschechischen Bevölkerung tatsächlich bestanden hat, war ihr Genre vorwiegend die ländliche Erzählung, die sich fast analog in beiden Landessprachen entwickelte, wenn auch mit gewissen zeitlichen Verschiebungen.
Auf tschechischer Seite genügt es, František Pravda und Božena Nìmcová zu nennen, um aufzuzeigen, dass auch die tschechisch geschriebene Literatur hier, trotz einer gewissen Verzögerung von Anfang an, ihr Äquivalent im Böhmerwald hat. Das Wesen der ländlichen Erzählung besteht in ihrer Fast-Kalenderidylle und der lokalen Beschränkung, und soweit sie über beide hinauswächst, macht sie gerade aus der Idylle und dem Beharren im Lokalen den Vorzug und den Kern ihrer Philosophie. Zur Vollendung brachte diese Philosophie, die möglicherweise sogar österreichischen oder bayerischen Ursprungs ist, Adalbert Stifter. An ihm wird die Böhmerwaldliteratur fortan gemessen, und das heißt: Der Maßstab wird sehr hoch angelegt.
Es ist kein Zufall, dass der Kalender hier erwähnt wird. Das in jedem Haus vorhandene Buch erinnerte geradezu greifbar an die ständige Wiederkehr, der Kreis der Jahreszeiten schloss sich im Kreis der Geschichten, über die der Begriff "Böhmerwaldkalender" und "Kalendergeschichte" nicht unbedingt etwas Abfälliges aussagt.
Ein weiteres bedeutendes Charakteristikum dieser Literatur ist ihre Katholizität. Das Jahr in dieser Literatur ist das christliche Jahr mit den regelmäßig wiederkehrenden Feiertagen, mit dem Kreis der Heiligen und den liturgischen Symbolen aus der örtlichen Kirche oder einer Wallfahrtskirche. Es ist ein ebenso fester Rahmen wie der Rahmen der Natur, ein gewähltes Schicksal, eine rauhe Idylle, vor der es kein Entrinnen gibt, eine bewusste Begrenztheit.
Der Lohn für die Auseinandersetzung mit der Unendlichkeit ist die Schönheit, die nur in der Sorge um sie entstehen kann. Aus der Bange erwächst die Idylle der häuslichen Stunden, Stunden der Geistergeschichten, Zaubersprüche, ja sogar so etwas wie böhmerwäldler Weissagungen, Prophezeihungen und Orakel. Es war der "Drang nach Natur", der Drang zur Idylle "der vergehenden Welt" des ländlichen Lebens mit einer unsicheren Illusion des Einklangs mit der Natur in Gott, der eine literarische Reflexion nicht nur des Gefühls der damaligen Zeit gestattete. Diesen Zusammenklang können wir als etwas auch der tschechischen Literatur sehr Nahestehendes betrachten. Es ist die Geburtsstunde der "Dorfgeschichte".
Diese fand im Jahre 1834 statt, als Auerbachs "Schwarzwälder Dorfgeschichten" erschienen, die dem Begriff den Namen gaben. Im selben Jahr kam auch Rankes Sammlung "Aus dem Böhmerwalde" im Verlag Wilhelm Einhorn in Leipzig heraus (die zweite Ausgabe erschien auf Anregung von Josef Blau erst im Jahre 1917 in Prag, herausgegeben von Professor Karl Wagner).
Der Zeitgeschmack spielt hier seine Rolle. Der deutsche Sprachraum, in den unter Umgehung der Großen Revolution zunächst die Schäferidylle und später auch die Dorfgeschichte eindrang (Auerbach: Das Volksleben ist kein stiller Wald mehr), war nun für das, was man Realismus nennt, vorbereitet. Es war jedoch nur noch ein heimatkundliches Interesse, innerhalb dessen, wie auf einer Panoramakarte, einzelne Gebiete der deutschsprachigen Welt zum Leben erweckt wurden.
Die Dorfgeschichte tendierte so auch zum Regionalismus im Bewusstsein der regionalen und stammesmäßigen Verschiedenheit. Stellen wir uns zudem noch den Leser dieser Literatur vor, hören wir auch ihre gut verständliche Botschaft an ihn. Im Fall des Böhmerwaldes war es die Botschaft von der "vergehenden Welt " für die "vergehende Welt". Erst mit Abstand merkt man, wie auch die Dichtung, die nach und nach in der Zusammensetzung der deutschen Böhmerwaldliteratur überwog, besonders nach der tragischen Vertreibung einer ganzen Volksgruppe aus ihrer Heimat, die Tatsache einer gewissen schicksalhaften Unausweichlichkeit der Entwicklung registrierte. Musste es wirklich so sein?
Auf der alten Landkarte Böhmens, "Bohemiae Rosa" aus dem Jahre 1668, steht geschrieben:

Im Herzynischen Wald erwuchs eine huldvolle Rose,
nicht weit von ihr steht in voller Wehr ein Leu auf Wacht.
Die Rose ist vom Blute des Mars und nicht der Venus.
Hic Rhodus, hic salta, und sogleich entstand die Welt.
Hab' keine Furcht, Rose, Du Schöne!
Ein Windhauch weht durch den Herzynischen Wald.
Mögen auch die Waffen unter der verstummten Rose schweigen!
Dieses Zitat möge nur die Tatsache belegen, dass das Gebiet, das früher Herzynischer Wald genannt wurde, seit alters her "eine Rose vom Blute des Mars" war. Eliška Krásnohorská schreibt über den dunklen Himmel des Böhmerwald: "die Wolken liegen über Èerchov". (Èerchov/Schwarzkoppe ist ein Berg im Chodenland, der westliche Grenzpunkt des Böhmerwaldes). Und, lange bevor Hans Watzlik in seinem Roman "O Böhmen" (1917) seine düstere Botschaft vom Weggang des letzten Deutschen aus Böhmen aussprach, fuhr sie fort: "aus Deutschland kommt zu uns nur Sturm, Böses und Krieg" - und sie schließt: "eher verschwinden die Berge in des Himmels Ferne / bevor wir unsere Sprache geben her für eure fremde!" [Sammlung "Ze Šumavy" ("Aus dem Böhmerwald") 1873].
Bereits um die vorletzte Jahrhundertwende spitzte sich der "Grenzland-Nationalismus" dermaßen in Richtung künftiger "Endlösungen" zu, dass die Literatur diese Tendenz nicht mehr zu schildern vermochte. Wo war plötzlich die Welt der Dorfgeschichte geblieben? Der Berg Svatobor über Schüttenhofen (Svatobor bedeutet "heiliger Wald") schien den tschechischen, im Chodenland zudem noch vorgeschobenen Schutzwall gegen die "deutsche Übermacht" zu verkörpern, auf die sich die Böhmerwald-Deutschen beriefen. Für diese war wiederum die Wallhalla an der Donau mit all ihren Nibelungen-Mythen lebendiges Schutzsymbol gegen die Flut des "Panslawismus".
Und dennoch war es von jeher und ist es bis heute nur ein einziges Land, Teil einer gemeinsa-men, einst keltischen und später dann nicht zu unterscheidenden germanisch-slawischen Urheimat. Davon zeugt auch die Literatur; alle ihre Antinomien und Antithesen bestätigen nur eine einzige gemeinsame Lebensweise, einen Archetyp, allerdings einen ständig bedrohten. Bedroht durch wen, wenn nicht am Ende immer nur durch uns selbst? Weil die Schuld nicht "in den Sternen steht, sondern in uns liegt". Ideologien, die es fertig brachten, gegenseitigen Hass als Nährboden für die Versklavung des Einzelnen zu missbrauchen, fanden auch in der Literatur ihren untrüglichen Niederschlag.
Hier trafen sich zwei Sprachen auf gemeinsamem Irrweg, der zum Niedergang führte. Genauso wie sich der Böhmerwald für den deutschsprachigen Raum als eine Art exotischer Landschaft der "vergessenen Brüder" darstellte, fand er beim tschechischen Publikum ein gleiches Echo als üppige Szenerie eines dramatischen Schutzes für das Grenzland des uralten Böhmen. Seinen darstellerischen Höhepunkt fand er wahrscheinlich in der Lünette des Malers MikolᚠAleš im Foyer des Nationaltheaters in Prag, in den Trachten der alten Slawen und darüber hinaus im Mythos der "Psohlavci" ("Hundsköpfe") von Alois Jiräsek. In der tschechischen Auffassung wird dem Böhmerwald gerne auch das Chodenland und das Vorland des Böhmerwaldes zugerechnet, um aus ihm eine angeblich von Urzeiten her nationaltschechische Landschaft zu machen.
Und so finden wir in der nach dem Krieg erschienenen Anthologie "Šumava" ("Der Böhmerwald"), zusammengestellt von Vilém Nový, Prag 1947, gleich in der Einleitung die natürlich unmittelbar durch den nazistischen Eingriff in die tschechische Geschichte hervorgerufene These: Die tschechische Kultur habe sich "an der Beispiel der Sowjets zu orientieren", und weil "wir sehr viele sind im engen Raum unserer Heimat,... gerade deshalb sind wir alle mit unserem tausendjährigen Boden verwachsen... so dass wir mit erhöhtem Eifer jedes, auch das geringste Recht und jeden, auch noch so kleinen Besitz schützen werden". Von da an war es nach der schrecklichen Erfahrung des Krieges nur noch ein kleiner Schritt zu einem weiteren Unrecht durch Rache und einer "nationaler" Verwaltung des Eigentums eines "fremden" Elements. Die Literatur wird hier allerdings direkt - wie in jeder Ideologie - in den höchsten (eher jedoch den niedrigsten) Dienst gestellt, sie wird hier einfach zur Waffe. Wie oft wurde sie geradezu mit Stolz als solche bezeichnet - bereits Jaroslav Vrchlicky, ein Dichter, der der tschechischen Kultur sonst eher das Tor zur Welt zu öffnen pflegte, sieht in seinem Gedicht "Èeskému jihu" ("Dem Süden Böhmens") einen Gleichklang der Worte "èeský" und "èacký" ("tschechisch" und "heldisch") !
Und doch waren beide Seiten dieses "tausendjährigen Kampfes" auf paradoxe Weise durch das Gefühl der Bedrohung verbunden - welche Bedrohung war größer? Diese Bedrohung war in manchem auch unterbewusst gemeinsam: sie verschmolz nämlich mit der Bedrohung der alten Lebensformen, der "alten Freiheiten", der Natur und der Eigenart.
Sie verschmolz mit gemeinsamen Mythen, mit einer sehr alten gemeinsamen Tradition. Bereits in den Namen der Flüsse, Berge und der menschlichen, durch uralte Wege verbundenen Siedlungen, sind keltische Wurzeln zweifelsohne fest verankert. Wo lag das markomannische "Marobudeum" (einige Vermutungen siedeln es bei Budweis an), wo Samos "Vogastisburk"? Diese Namen rufen nicht nur lokalpatriotische Leidenschaften hervor, sondern sind paradoxerweise für beide Seiten der Kontroverse positiver Beweis. Es gehört euch beiden, es ist euer gemeinsames Erbe. Der alte Name, wenn auch "fremd" und "stumm", erweckt ein noch älteres Gefühl einer möglichen eigenen Zugehörigkeit: woher bin ich und wohin gehe ich - wem gehöre ich. Es gibt immer mindestens zwei Möglichkeiten.
Der Mythos der Landschaft ist schicksalhaft wie der Tod, und die Literatur lebt von ihm. Wem gehört das Land? Wem gehören etwa seine alten Klöster? Wem sind sie zu eigen, wem sind sie fremd? Wessen Land brachten sie Bildung und Wissen? Wem gehören ihre Bücher, wem ihre Symbole? Obwohl diese Fragen schon längst ihren Sinn verloren haben sollten, tauchen sie immer wieder auf. In Hohenfurth und Goldenkron siedelten fast ausschließlich deutsche Mönche - hiesige literarische Quellen (schon aus dem 13. Jahrhundert gibt es ein Verzeichnis der Hohenfurther Klosterbibliothek), insbesondere das Hohenfurther Liederbuch, aber auch die deutsche Übersetzung des Lebens des heiligen Hieronymus (von Johann von Neumarkt) hatten einen gesamtdeutschen Einfluss.
Und dabei war noch nicht einmal die Rede von dem mächtigsten Geschlecht dieser südböhmischen Heimat, dessen Ursprung jedoch eigentlich auch unklar ist: nämlich von den Witigonen, später Rosenberger genannt. Wer war jener edle Witiko Stifters, welcher Raum wird um ihn herum geschaffen, auch wenn man sich ihn kaum anderswo als im Grenzwald vorstellen kann? Darüber wurden viele Bücher geschrieben; (die Autorin der ersten tschechischen Übersetzung des "Witiko", Milena Illová, kam als Opfer des Nationalsozialismus 1944 in Auschwitz ums Leben - der Leser möge mir diesen Zeitsprung nachsehen) ; in verkürzter Form ist dies das Schicksal Böhmens überhaupt, der Weg nach Böhmen, der Weg, der selbst Böhmen ist. Und wie verhält es sich mit denn Schicksal des Pøemysl Otakar vor dem Hintergrund des Schicksals von Záviš? (Es handelt sich um ein bedeutendes Thema weltbekannter Dramen Lope de Vegas, Grillparzers und der tschechischen Dramatiker Hálek und Hilbert, dessen "Falkenštejn" erst jetzt auf die Bühne des Prager Nationaltheaters zurückgekehrt ist.) Diese Tragödie ist bereits Vorzeichen für die künftige tschechische Spaltung, für das Hussitentum und auch den Weißen Berg.
Gehören Hus und die Hussiten zur Literatur des Böhmerwaldes? Selbst um den Geburtsort von Johannes Hus wird ein historischer Streit geführt, gerade mit seiner Gestalt verknüpft sich die schicksalhafteste Divergenz der tschechischen und deutschen gemeinsamen Geschichte.
Einem der letzten Rosenbergen, Wilhelm, widmete der Krummauer Humanist Mathias Cervus (Hirsch) eine Sammlung von Elegien. Gebürtig aus Krummau ist auch der Humanist Christoph Schweher (Hecyrus), der zu den Schöpfern des deutschen katholischen Liedes gehört und der auch deutsche Dramen mit biblischen Themen verfasste. Sein Schüler war der in Budweis geborene Simon Proxenus de Sudetis, Autor des lateinischen Gedichtes über die Aufeinanderfolge der böhmischen Fürsten und Könige, während Johann Mathias de Sudetis im Jahre 1615 in Leipzig die lateinische Schrift "De origine Bohemorum et slavorum subseciva" veröffentlichte, wonach die Tschechen aus Russland kamen, also damals eine neue Ansicht.
Diese beiden wirkten bereits in Budweis, ihre geistige Beziehung zum Böhmerwald ist unbestritten. Der hiesige Benedikt Edelbeck (Edelpöck) und seine "Comedi von der freudenreichen Geburt Jesu Christi" (1568) weist bereits direkt auf die Tradition der Böhmerwälder Krippenspiele hin, wo noch im 18. Jahrhundert Spuren seines Texten zu finden sind. Der deutsche Sekretär des letzten Rosenbergers, Peter Vok, Theobald Höck, betritt mit seiner Gedichtsammlung "Schönes Blumenfeld auf jetzigem allgemein ganz betrüblichen Stand" (1601) den literarischen Barock, der diesen Landstrich für immer und ewig durch die Kraft seiner darstellenden Kunst und seines Stils geprägt und ihm buchstäblich ein menschliches Antlitz gegeben hat.
Mit der katholischen Gegenreformation überzog natürlich auch der Dreißigjährige Krieg das Land und von hier, aus Prachatitz, stammt auch die Landstreicherin (Dirne) Libuška aus Grimmelshausens Dichtung. Am Hof der Rosenberger und danach der Eggenberger blühte die Theaterkunst, die später durch die Berufung der Jesuiten noch intensiver betrieben wurde. Die böhmische Theaterszene von Krummau wurde zum Zentrum einer reichen, deutsch interpretierten Theaterkultur, die nicht ohne Einfluss auf das Volksschauspiel im dörflichen Milieu des Böhmerwaldes bleiben konnte.
Der böhmische, österreichische und bayerische Barock, sowie der Barock des Böhmerwaldes können dabei nur schwer voneinander abgegrenzt werden. Wir treffen ihn später auch bei so scheinbar entfernten Themen an, wie z. B. den Gruselgeschichten von Spieß, den alten Böhmerwälder Weissagungen oder den ambitiösen Bemühungen Richard von Kraliks um die Belebung alter Themen der Puppenspiele.
Nach der Niederlage der böhmischen Stände in der Schlacht am Weißen Berg und dem Aussterben der Rosenberger und auch der Eggenberger, fiel die Herrschaft über den Böhmerwald nach und nach an zwei katholische Adelsgeschlechter, die Buquoy und Schwarzenberg, die der österreichischen Landesidee treu ergeben waren. Es war hauptsächlich die loyale, gemäßigt konservative Schwarzenbergische Tradition, die angesichts der Revolutionen der neuen Zeit als etwas ungewohnt böhmerwälderisch und stifterisch Authentisches anmutet. Ihren literarischen Ausdruck fand sie auch im "Španìlský deník a Zrození revolucí" ("Spanisches Tagebuch und Geburt der Revolutionen") des "Landsknechtes" Friedrich Schwarzenberg, wie der Titel der von Karl Schwarzenberg 1937 gefertigten tschechischen Übersetzung des deutschen Originals seines Uronkels lautet.
Über das Kloster Hohenfurth und seine durch das Wirken von Persönlichkeiten wie Karoline Pichler oder durch den Historiker Maximilian Millauer wiederbelebte Tätigkeit drang die "katholische" Auffassung der böhmischen Geschichte weiter vor.
Damals verließ auch Johann Nepomuk Neumann seinen Geburtsort Prachatitz, um nach Übersee zu gehen und dort, wie sein Namenspatron Nepomuk zu Hause, die Reihe der Heiligen des Böhmerwaldes forzusetzen.
Aber da trug bereits die tschechische nationale Wiedergeburt vor allem durch katholische Geistliche auch im Böhmerwald ihre ersten Früchte. In Ktiš (Tisch) bei Prachatitz und in Prachatitz schrieb Antonin Jaroslav Puchmajer die ersten, eigentlich neutschechischen Gedichtsammlungen. Es war an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert, als sich am Gymnasium in Budweis gleich drei Dichter zusammenfanden: Josef Krasoslav Chmelenský, Josef Vlastimil Kamarýt und František Ladislav Èelakovský. Alle drei verband die Bewunderung des südböhmischen Volksliedes. Ihre Erstlingswerke veröffentlichten sie in den ersten tschechischsprachigen Zeitschriften von Kramerius. Ein weiterer Geistlicher, František Josef Sláma Bojenický, bearbeitete damals sogar in tschechischer Sprache die Geschichte von Prachatitz und des Goldenen Steiges.
Ausdruck der Literatur der tschechischen Wiedergeburt war für breitere Bevölkerungsschichten damals vor allem noch das Theater. Das erste auf tschechisch 1839 in Budweis aufgeführte Stück - wo bis dahin nur in deutscher Sprache gespielt wurde - hieß übrigens fast symbolisch "Èech a Nìmec" ("Tscheche und Deutscher").
Die tschechische Tradition des ländlichen Volksschauspiels wurde allerdings auch durch die Wanderbühnen der Puppenspieler wie z. B. Matìj Kopecký repräsentiert und stand in engem Zusammenhang mit der Böhmerwälder Tradition des deutschen Volksschauspiels. Unzählige Analogien können wir übrigens auch bei allen Genres der Volksliteratur finden. Selbst Hartauers Lied "Dort tief im Böhmerwald", diese sentimentale Erinnerung an das ewige Abschiednehmen von der Böhmerwald-Heimat (populär übrigens auch in der tschechischen Version "Tam v krásné Šumavì"), hat sein nicht weniger sentimentales Gegenstück in dem Lied von Karel Drahotín Villani "Zasvi mi, ty slunko zlaté, na poslední z vlasti krok", das bis heute in Böhmen bei Beerdigungen gespielt wird. Eine melodische wie auch thematische Verwandschaft könnten sicher die repräsentativen Sammlungen Böhmerwälder Volkslieder dokumentieren, wie sie bereits im zwanzigsten Jahrhundert von Gustav Jungbauer und auf tschechischer Seite mit einem weiteren Umfeld ("Èeský jih a Šumava v písni" /"Der böhmische Süden und der Böhmerwald im Lied"/) von Karel Weis herausgegeben wurden.
Vermittelt wurde sowohl der deutsche als auch der tschechische volkstümliche Lesestoff vor allem durch die Böhmerwald-Kalender, die unter der Marke der Winterberger Firma Steinbrener buchstäblich weltweit zu einem festen Begriff wurden, sowie die hier in fast allen Weltsprachen herausgegebenen Gebetbücher. In diesen Böhmerwälder Druckerzeugnisen, in unzähligen örtlichen Gedenkbüchern, Almanachen, Jahrbüchern und Gelegenheitspublikationen (fortgesetzt eigentlich bis heute in der landsmannschaftlichen Verlagstätigkeit der deutschen Vertriebenenvereine) begegnen uns die Namen Böhmerwälder Volksschriftsteller aus dem böhmisch-österreichischen und böhmisch-bayerischen Grenzland, ob es nun der Hohenfurther Franz Isidor Proschko, der bayerische Maximilian Schmidt, gen. Waldschmidt, der Prachatitzer Josef Meßner, der Kaplitzer Ignaz Oberparleiter und dessen Tochter Marie oder Adolf Schimann aus Schwarzbach im Böhmerwald mit seinen Jägergeschichten, der unermüdliche Autor kleiner Erzählungen aus dem Bayerischen Wald, Franz Schrönghamer-Heimdal, und die Dichterin und Erzählerin Emerenz Meier sind, neben den Klassikern des Genres der Gebirgserzählungen der österreichisch-steierischen "Waldheimat" Peter Roseggers oder Ludwig Ganghofers aus den bayerischen Alpen. Hier waren nachbarschaftliche Einflüsse etwas durchaus Logisches und Natürliches und obwohl tschechischerseits Leseproben dieser Literatur nicht besonders häufig übersetzt wurden, bildete sich dank einem starken Leserinteresse eine eigene tschechische Produktion aus der Feder Karl Klostermanns, eines gebürtigen Österreichers (sein Erstlingswerk "Böhmerwald-Skizzen" schrieb er noch in Deutsch). Er brachte es fast allein fertig - wenn man auch den Namen Alois Vojtìch Šmilovský, eigentlich Schmillauer, und seines "ersten Böhmerwaldromans" "Parnasie" nicht vergessen darf -, das Thema mit Kurzgeschichten und umfangreicheren Romanen auszuschöpfen, die den Böhmerwald und auch das tschechische Vorland des Böhmerwaldes in eine gute, tschechisch geschriebene Prosa, hüllten.
Das Vordringen der tschechischen Literatur in den Böhmerwald spielte sich jedoch frontal in einer anderen Ebene ab. In den repräsentativen Bildpublikationen der Prager Verlage J. Otto und J.R. Vilimek, z. B. in der Editionsreihe "Èechy" ("Böhmen") oder in der frühen Fotopublikation "Letem èeským svìtem" ("Im Flug durch die tschechische Welt") befassten sich so bedeutende tschechische Schriftsteller wie Jaroslav Vrchlický, Adolf Heyduk oder die bereits erwähnte Eliška Krásnohorská mit dem Böhmerwald, um ihn als eine der großartigsten Landschaften des Landes, zu dem er aus historischer Sicht unstrittig gehört, zu rühmen. Von dem Band "Šumava " ("Böhmerwald") der Edition "Èechy " gab es eine eigene deutsche Version in einer anders gestalteten Buchform mit einem anderen Text von Friedrich Bernau (Pseudonym eines ursprünglich tschechischen Autors namens Pøemysl Cyril Baèkora). Ein Faksimile dieses Werkes erschien vor kurzem in Deutschland im Verlag Morsak in Grafenau. Unübertroffen bleibt jedoch die erste Monographie über den Böhmerwald aus dem Jahre 1860, die von Josef Wenzig und Jan Krejèí auch in Deutsch verfasst wurde. Wenzig, ein tschechisch-deutscher Autor, ist nebenbei bemerkt auch der Librettist von Smetanas Oper "Libuše".
Der Aufstieg des tschechischen Elements innerhalb eines einzigen Jahrhunderts, und dies bei weitem nicht nur auf dem Gebiet der Literatur, war im Rahmen des alten Österreich wirklich imposant und erweckte auf deutscher Seite in der Tat Befürchtungen. Damals wurden diese Befürchtungen vielleicht am offensten in dem Roman des bedeutenden deutsch-jüdischen Autors und Sprachwissenschaftlers Fritz Mauthner, "Der letzte Deutsche von Blatna" (1887), ausgesprochen, dreißig Jahre vor Watzliks "O Böhmen". Es ging hier jedoch keinesfalls um Realismus: es war dies ein Spiegelbild der politischen Kämpfe, eine Darstellung, die der täglichen Realität diente. Ist denn der Realismus selbst frei von Mythen? Von allen Seiten drängen sie sich ihm auf - der Mythos von der Kindheit, von der Not und der Reinheit, vom Schicksal. Zu diesen Mythen bekannten sich auch die besseren Klassiker der Böhmerwald-Literatur wie Johann Peter, Anton Schott und - in seiner teilweise bereits expressionistisch anmutenden Prosa - der vielleicht begabteste von ihnen, Josef Gangl. In einer Erzählung seiner Sammlung "Geschichten aus dem Böhmerwald" lässt er von den tschechischen Dorfbewohnern nicht nur den Deichwart sondern auch dessen Sohn, der zudem das Dorf vor einer drohenden Überschwemmung schützen wollte, nur deshalb töten, weil sie den Teich als ihr Eigentum betrachten und weil sie Deutsch sind. Eine wahrhaft grauenvolle Symbolik und ein wahrhaft unaufhaltsame Flut des Nationalismus.
Einzelgänger und geniale Träumer wie Alfred Kubin oder auf tschechischer Seite Josef Váchal, die in den Wäldern des Böhmerwaldes und seinen Sagen düstere Warnungen empfanden, verschwanden hinter der brutalen Bejahung der "Endlösung" - schließlich auf beiden Seiten. So beantwortete Hans Watzlik im Jahre 1938 eine Aufforderung tschechischer Schriftsteller nicht, den letzten Versuch, das alte Land für beide Sprachen zu erhalten. Zehn Jahre später starb er nach dem Krieg im Exil. Dabei gab es etwas zu erhalten. Es fällt auf, dass, während z. B. in der bildenden Kunst und der Musik die sudetendeutsche Kultur in ihrem Böhmerwälder Zweig nach 1918 keinen bedeutenderen Vertreter hervorbrachte, es in der Literatur gleich mehrere gab, und dies mit einem wachsenden Anteil an Lyrik.
Schon in den Jahren 1899-1907 konnte der bereits erwähnte Johann Peter die Literaturzeitschrift "Der Böhmerwald" herausgeben, und er war dem Verleger Steinbrener so wert, dass dieser ihm an seinem Lebensabend die "Schriftsteller-Villa" Abendfriede in Winterberg zur Verfügung stellte.
Am bedeutendsten war allerdings Budweis. Hier entstand bereits 1884 der Deutscher Böhmerwaldbund mit einem regen Vereinsleben. (Auf tschechischer Seite wirkte in ähnlicher Weise die "Národní jednota pošumavská"). Hier veröffentlichte 1904 Willibald Böhm auch die kleine Broschüre "Die Böhmerwaldschriftsteller der Gegenwart", in der die Eigenständigkeit des Begriffes "Böhmerwalddichtung" verteidigt wird. Karl Franz Leppa nennt als seinen Geburtsort "Budweis im Böhmerwald". Hier begann auch der in Hammern bei Neuern geborene Leo Hans Mally in der "Südböhmischen Volkszeitung" zu publizieren. Hier war im großen Saal des Deutschen Hauses im März 1928 die Premiere des Böhmerwald-Theaterstückes "Der Goldene Steig" von Alois Meerwald. Hier wurde auch Friedrich Jaksch-Bodenreuth geboren, der - neben unversöhnlich antitschechischen Romanen - auch Autor eines Lexikons sudetendeutscher Schriftsteller war, ferner Josef Schneider, Ferdinand Trinks und Wilhelm Formann. Götz Fehr bezeichnete in seinem prächtigen Buch über das Budweiser Deutsch den dortigen Marktplatz als Ausdruck "wahrhaft göttlicher Eingebung". Zumindest studierte hier die Mehrzahl der gebürtigen Böhmerwäldler. Hans Watzlik, für unser Thema sicher einer der bedeutendsten Namen, wurde hier inmitten einer Sprachinsel, aus der auch sein deutsch und tschechisch sprechender Vater stammte, zum deutsch-nationalen Glauben bekehrt.
Aus dem Prachatitzer Bereich könnte man neben Josef Meßner noch Oskar Günther und Rudolf Kubitschek sowie vielleicht die später im schwedischen Exil verstorbene Hilde Bergmann, eine Dichterin Rilkescher Prägung, und den erst kürzlich verstorbenen Anton Pachelhofer nennen.
Mit Krummau sind Namen wie die von August Sperl, Josef Andreas Huschak, Josef Johann Ammann, Anton Riedl und Helmut Doyscher verbunden. Hier gründeten 1919 Hans Saßmann, der spätere Wiener Filmszenarist und Kulturhistoriker, und der bedeutende Publizist Robert Scheu zuerst einen Verein und dann das Theater "Südböhmische Schaubühne", das nach ihnen ein anderer gebürtiger Wiener, Adolf Zaglauer, übernahm. Rudolf Slawitschek, ein Schriftsteller, über dessen Todesumstände im Jahre 1945 Unklarheit herrscht, widmete der Stadt seinen Roman "Der blaue Herrgott". (Sein Roman für Kinder, "Anastázius Koèkorád" - im Original "Anastasius Katzenschlucker", wurde dreimal in tschechischer Übersetzung mit Illustrationen von Jiri Trnka aufgelegt).
Eine - ähnliche - Topographie des Böhmerwaldes (topos-Ort, auch für Literaturw.: "feste Wendung, stehende Rede od. Formel, feststehendes Bild" o.ä.) würde allerdings auch die Tatsache dokumentieren, dass die Geburtsorte vieler für ihre Region bedeutender Autoren nach der "Endlösung" durch die tschechische Seite einfach zu existieren aufgehört haben. Denken wir nur an Rothenbaum bei Neuern, wo nicht nur der Erzdechant Leopold Klima geboren wurde, der das Pseudonym "Baumroth" nach dem Namen dieses seines Geburtsortes wählte, sondern auch die Dichterin Maria Schmidt-Klima und der bedeutende Böhmerwälder Autor Sepp Skalitzky (er schreibte sich ursprünglich Josef Skalicky). Die hiesige Schule besuchte einst selbst der Klassiker und Begründer dieser Literatur, Josef Rank. Aus dem verschwundenen Buchwald stammt Johann Peter, aus Hinterhäuser Anton Schott, aus Stadln Zephyrin Zettl, aus Plöß Hans Multerer, dessen Lehrer in der Schule von Rothenbaum Josef Blau war. Aus Stein stammt Anton Sika, aus Künisch Haidl am Ahornberg Johann Baptist Puchinger (letzterer schrieb Volksstücke - eines davon ist ein Krippenspiel mit dem Titel "Liserl"). Aus Neustift kam Josef Dichtl, aus Plattetschlag Anton Schacherl, aus Pichlern Anton Wallner, Autor des Textes des Liedes "Af d'Wulda", aus Buchers der Dichter Ernst Egermann, aus Goldberg die Mundartschriftstellerin Anna Kangler. Aus Gutwasser bei Hartmanitz stammen nicht nur Erich Hans und der bedeutende jüdische Gelehrte Dr. Simon Adler, sonder auch Josef Pscheidl, ein Erzähler Böhmerwälder Geschichten, mit denen heute die junge Böhmerwald-Dudelsack-Kapelle aus dem südböhmischen Strakonitz ihre Auftritte in Bayern und Österreich auflockert.
Alle diese ehemals deutschen Gemeinden sind zwar verschwunden, der uralte Goldene Steig kann jedoch nur mit ihnen zusammen wieder zum Leben erweckt werden, eben so, wie es nur die Literatur vermag, das Unmögliche wieder auferstehen zu lassen. Das bewirkt sie auch durch die Poesie (sudetendeutsche Lyrik wurde bereits zwischen den beiden Weltkriegen von Herbert Cysarz als sehr bedeutend im gesamtdeutschen Kontext bewertet) und dies auch in der Mundart ganzer Regionen. Heinrich Micko behandelte sogar die Mundart des zerstörten Dorfes Wadetstift, in der er seine Gedichte verfasste, in einer eigenen Studie. Erst im Jahre 1964 übersiedelte die Mundartdichterin Rosa Tahedl aus Guthausen in Böhmerwald nach Bayern - sie hatte nach dem Krieg als Waldarbeiterin in Guthausen gearbeitet.
Es waren jedoch nicht immer nur gebürtige Böhmerwäldler, die bedeutende Werke mit Themen aus dem Böhmerwald schufen, ob es nun der mittelböhmische Robert Michel mit seinem Roman "Jesus im Böhmerwald" war oder der Prager Johannes Urzidil und seine Tetralogie "Böhmerwälder" Novellen: "Der Trauermantel", "Grenzland", "Wo das Tal endet" und "Der letzte Gast".
Dass sie nicht "von dort" waren, gilt in besonderem Maße für die in tschechischer Sprache schreibenden Autoren. Sie sahen den Böhmerwald wie aus der Ferne, als Horizont der Welt, in der ihre Gefühle beheimatet waren. Als dieser Horizont nach dem Krieg zu einer verlassenen Landschaft wurde und immer mehr und mehr verödete, konnten sie diese nur mit einer Genehmigung betreten: Selbst ihnen wurde sie versagt.
Als František Teplý im Jahre 1945 in Prachatitz seine Arbeit "O Zlaté stezce z Bavor do Èech" ("Über den Goldenen Steig von Bayern nach Böhmen") veröffentlichte, ahnte er kaum, welches Ende dieser Landschaft bevorstand. Auch Ladislav Stehlik schrieb sein Buch "Zemì zamyšlená" ("Das nachdenkliche Land") eigentlich schon während des Krieges, als der Böhmerwald von Böhmen getrennt war. Der nachträglich erst 1970 erschienene dritte Teil handelt nur von ihm, und es ist ein Buch voller Sehnsucht und Trauer - eine begonnene Fernsehfassung wurde zurückgezogen und blieb unvollendet.
Nach dem Krieg gingen nicht nur die Sudetendeutschen in den Westen, sondern auch einige tschechische Schriftsteller, wie z. B. Jaromír M욝an, dessen lyrische Prosa "Zemì, kterou miluji" ("Das Land, das ich liebe") und "Tudy šel Pán" ("Der Herr ging diesen Weg") Stehliks Werk "Zemì zamyšlená" nahesteht. Er starb im Exil in München. Die Redakteurin der bis vor kurzem Münchener Radiostation RFE (Radio Free Europe), Sidonie Dìdinová, veröffentlichte über das Nachkriegs-Køišanov (Christianberg) im Böhmerwald einen deutsch geschriebenen Roman "Als die Tiere starben", der bisher noch nicht in tschechischer Übersetzung vorliegt.
Es ist, als sei der Böhmerwald dazu verurteilt gewesen, nach dem Krieg nicht nur sein deutsches, sondern auch sein tschechisches Gedächtnis zu verlieren. Zum Glück haben die landsmannschaftlichen Aktivitäten der Vertriebenen in zahlreichen Sammelwerken die Geschichte und auch die Kultur einzelner lokaler Bereiche vor dem Untergang bewahrt. Und selbst wenn es bisher nicht zu einem wirklichen gegenseitigen Dialog mit der tschechischen Seite gekommen ist, so wächst doch auf beiden Seiten das Bewusstsein eines gemeinsamen Erbes.
Auch die furchtbarste Böhmerwälder Prophezeihung des Mühlhiasl ging in Erfüllung: Die deutsche Böhmerwald-Literatur lebt eigentlich im Exil. Literatur bleibt jedoch unteilbar, sie bewahrt als gemeinsamen Besitz alles, was durch alle diejenigen geschaffen wurde, die in diesem heute so verlassenen Landstrich lebten, starben oder von hier weggehen mussten. Der tschechisch-jüdische Autor Richard Weiner, dem das Glück beschieden war, noch vor dem nazistischen Wahnsinn sterben zu dürfen, spricht dieses Land - nicht nur für sich selbst - in dem Gedicht "Doma" ("Zu Hause") mit dem genialen Vers an:
Ich sehe die Kette des Böhmerwaldes,
die dich an dich selbst kettet...

Verkürzte deutsche Version dieser Studie übernehmen wir aus den Sammelwerk "Kulturregion Goldener Steig" (München 1995, übersetzt von Anna Gomoll, München).

Literatur zum Thema (siehe tschechische Version)


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